Engpassberuf Maurer auf Schweizer Baustellen: Warum der Mangel mehr ist als ein Rekrutierungsproblem
Die Ausgangslage zum Beruf Maurer im Schweizer Bauhauptgewerbe
Maurer gehören im Schweizer Bauhauptgewerbe zu den Berufsgruppen, bei denen der Fachkräftemangel besonders deutlich sichtbar wird. Dass es sich dabei nicht nur um ein subjektives Branchengefühl handelt, zeigt eine Fachkräftestudie des Kompetenzzentrums Demografik im Auftrag des Schweizerischen Baumeisterverbands. In der Studienzusammenfassung heisst es: „Maurer: Im Jahr 2025 fehlen der Branche 970 Maurer mehr als im Jahr 2020, was 12 % des prognostizierten Bedarfs entspricht. Im Jahr 2030 sind es bereits 1'714 (21 %) und im Jahr 2040 2'589 (31 %).“
Maurer entwickeln sich damit zu einem strukturellen Engpassberuf. Für Baustellen ist das besonders relevant, weil Maurer keine Randfunktion erfüllen. Sie sind im Rohbau an zentralen Arbeitsschritten beteiligt – von Schalungen über Betonierarbeiten bis zu Tragstrukturen. Ohne ausreichende Maurerkapazität geraten Bauabläufe schnell ins Stocken.
Wichtig ist dabei eine nüchterne Einordnung: Die Studie liefert keine exakte Vorhersage für jedes einzelne Jahr, sondern eine belastbare Richtungsaussage unter konstanten Rahmenbedingungen. Gerade deshalb verdient sie Beachtung. Sie zeigt, wo sich Engpässe langfristig aufbauen und welche Funktionen auf Baustellen besonders unter Druck geraten.
Warum gerade Maurer fehlen
Die Studie nennt mehrere Gründe für den wachsenden Engpass. Einerseits steigt der Bedarf an qualifizierten Fachkräften im Bauhauptgewerbe. Andererseits schrumpft das Angebot am Arbeitsmarkt. Besonders ins Gewicht fallen zwei Entwicklungen: die sinkende Zahl an Maurerlehrlingen und die vergleichsweise hohe Abwanderung ausgebildeter Fachkräfte aus dem Beruf.
Die Autoren weisen zudem darauf hin, dass Maurer eine wichtige Grundlage für spätere Kaderfunktionen bilden. Wer heute weniger Maurer ausbildet, hat morgen auch weniger Vorarbeiter, Poliere und Bauleiter. Der Engpass wirkt deshalb über mehrere Stufen hinweg.
Genau darin liegt die besondere Brisanz dieses Berufsbilds. Fehlen Maurer, fehlen nicht nur ausführende Fachkräfte auf der Baustelle. Es fehlt mittelfristig auch der Nachwuchs für jene Funktionen, die Baustellen führen, koordinieren und terminlich absichern.
Auswirkungen auf Bauprojekte
In der Praxis zeigt sich der Maurermangel selten als isolierte Zahl in Statistiken. Er wird im Terminplan sichtbar. Fehlen Maurer, verzögern sich Rohbauarbeiten. Schalungen werden später erstellt, Betonierfenster verschieben sich und Folgegewerke müssen warten. Bauleitungen reagieren mit Umplanung oder zusätzlicher Koordination – beides kostet Zeit und Geld.
Auf Branchenebene können solche Engpässe spürbare wirtschaftliche Effekte haben. Die Studie prognostiziert, dass der Fachkräftemangel im Bau bis 2040 zu erheblichen Umsatzeinbussen führen könnte, wenn keine Gegenmassnahmen greifen. Für einzelne Unternehmen bedeutet das vor allem eines: Personalplanung wird zur Projektabsicherung.
Wichtig ist dabei, den Mangel nicht vorschnell nur als Rekrutierungsproblem zu lesen. Auf Baustellen geht es nicht allein darum, offene Stellen zu besetzen. Es geht darum, Taktung, Verfügbarkeit und Ausführungsqualität über die Projektlaufzeit stabil zu halten.
Temporärarbeit als pragmatischer Teil der Lösung
Die Studie nennt mehrere Hebel, um dem Fachkräftemangel zu begegnen: mehr Maurerlehrlinge, eine stärkere Bindung junger Fachkräfte an die Branche sowie Quereinsteigerprogramme für bestimmte Funktionen. Diese Massnahmen sind notwendig, wirken aber meist langfristig.
Für die operative Baupraxis spielt deshalb ein weiterer Ansatz eine Rolle, der in der Debatte oft mitgedacht, aber seltener sauber benannt wird: flexible Personalmodelle. Der Einsatz temporärer Fachkräfte ist im Bauhauptgewerbe kein neues Instrument. Gerade bei Auftragsspitzen, kurzfristigen Ausfällen oder verschobenen Bauabläufen greifen viele Unternehmen darauf zurück.
Temporärverleih kann den strukturellen Fachkräftemangel nicht lösen. Er kann aber helfen, akute Engpässe zu überbrücken und Baustellen stabil am Laufen zu halten. Das gilt besonders in Phasen mit stark schwankender Bautätigkeit oder bei Projekten mit hohem Termindruck. Für Bauunternehmen bedeutet das zusätzliche Flexibilität: Sie können Fachkräfte projektbezogen einsetzen, ohne langfristige Personalbindungen einzugehen. Gleichzeitig bleiben Lohnabrechnung, Sozialversicherungen und ein grosser Teil der Administration beim Verleihbetrieb.
Solche Modelle ersetzen keine Ausbildungsoffensive – sie ergänzen sie. Gerade im Maurerbereich, wo die Lücke bereits heute operativ spürbar ist, sind sie für viele Unternehmen deshalb kein Nebenthema mehr, sondern ein pragmatischer Teil der Personalstrategie.
Fazit
Der Engpassberuf Maurer ist auf Schweizer Baustellen längst Realität. Die prognostizierten Zahlen zeigen, dass sich der Mangel ohne Gegenmassnahmen weiter verschärfen könnte.
Für Bauunternehmen bedeutet das zweierlei: Langfristig braucht es mehr Ausbildung und bessere Bindung von Fachkräften an die Branche. Kurzfristig werden flexible Personalmodelle eine wichtige Rolle spielen, um Bauabläufe stabil zu halten.
Der Maurermangel ist damit nicht nur ein Rekrutierungsthema. Er wird zunehmend zu einer Frage der strategischen Personalplanung im Bauhauptgewerbe.
Quelle: Kompetenzzentrum Demografik im Auftrag des Schweizerischen Baumeisterverbands, Zusammenfassung Fachkräftemangelstudie, 20.04.2023.